KRAFTWERK MARLING
STANDORT DES WERKS
Das Wasserkraftwerk Marling befindet sich im oberen Etschtal bei Meran und liegt auf dem Gebiet der zum Kreis Bozen gehörenden Gemeinden Algund und Marling.
GESCHICHTE
Das Wasserkraftwerk Marling bildet die fünfte und zugleich unterste Stufe des Kraftwerkskomplexes, der den Flusslauf der Etsch (und ihrer Zuflüsse) von den im Hochgebirge liegenden Quellen bis zum ebenen Etschtal in Höhe Merans nutzt. Etwas unterhalb der Gemeinde Marling bietet der so genannte Tellpass ideale Voraussetzungen zur Nutzung der Etsch, die sich hier mit einer Fallhöhe von 200 m in eine Felsschlucht ergiesst und unmittelbar danach bis zum Zusammenfluss mit der Passer eine starke Stromschnelle bildet.
Faktisch setzten die Gemeinden Bozen und Meran seit 1891 verschiedene Förderkommittees ein, um eine Genehmigung für den Bau eines Kraftwerks bei Tell zu erhalten, und 1897 wurde das Elektrizitätskonsortium "Etschwerke'' (heute AEEW) ins Leben gerufen. 1896 begann man mit den Bauarbeiten, die bereits 1899 abgeschlossen werden konnten. Da das Werk seinerzeit jedoch lediglich 70 m der verfügbaren 200 m Fallhöhe nutzte, entstanden rasch Pläne zum Bau eines zweiten Werks, das die gesamte Fallhöhe nutzen sollte.
Erst 20 Jahre später wurden diese Pläne zum zweiten Kraftwerkbau 1923 von der Montecatini Gruppe aufgenommen, die für den Elektrolyseprozess bei der Herstellung von Ammoniak und stickstoffhaltigem Kunstdünger Strom benötigte. Speziell das Chemiewerk in Sinich bei Meran bedurfte dringend der Stromversorgung.
Zu diesem Zweck wurde die Elektrizitätsgesellschaft Oberetsch (E.G.O.E.) gegründet, die anschließend im Namen der Montecatini Gruppe in ganz Italien Wasserkraftwerke errichtete und betrieb. Die E.G.O.E. wurde Rechtsnachfolger der AEEW für die Nutzung des zweiten Etschgefälles. Im entsprechenden Vertrag war eine Potenzierung des Werks bei Tell durch die E.G.O.E. vorgesehen, wodurch die Ausbauwassermenge von 15 auf 35 m³/s und die Gesamtleistung auf 22.000 kW gesteigert werden sollten. Dafür wurde der E.G.O.E. ein zwanzigjähriges Nutzungsrecht der faktisch erhaltenen elektrischen Höchstleistung eingeräumt. Nach Ablauf dieser Frist sollten die neu errichteten Anlagen in den Besitz der AEEW übergehen.
Als es der E.G.O.E. gelungen war, 35 m³/s nach Tell zu leiten, konnte sie dieses Abfliessvermögen zum neu zu errichtenden Werk bei Marling ableiten. Der Ausbau des oberen und der Bau des unteren Werkes vollzogen sich zwischen 1924 und 1926. Das Werk Marling wurde 1925 in Betrieb genommen.
Eine Besonderheit des Werks war die Bestückung mit einem normalen Wechselstromerzeugeraggregat und drei Gleichstromgeneratoren, deren 7.000 kW Turbinen an je vier 1.750 kW Dynamos angeschlossen waren. Der Gleichstrom wurde in einer nahegelegenen Fabrik zur elektrolytischen Erzeugung von Wasserstoff genutzt, der über eine mehrere Kilometer lange Gasleitung ins Chemiewerk Sinich gelangte.
In den Folgejahren wurden einige Umbauten am Werk vorgenommen, allen voran die Teilerneuerung der Maschinen im Jahr 1956, bei der ein neues Stromerzeugungsaggregat mit 28 MW installiert wurde; die Gleichstromgeneratoren wurden später abgebaut. Zwischen 2002 und 2004 schließlich hat das Werk einen radikalen Umbau erfahren, bei dem alle drei Stromerzeugungsaggregate ausgetauscht worden sind.
TECHNISCHER AUFBAU
Das Werk nutzt das Wasser der Etsch in einem Einzugsgebiet von insgesamt 1.675 km²; davon sind rund 100 km² Gletscherzone. Es wird teilweise durch die Jahreszeitenspeicher in Reschen St. Valentin (SELEDISON), Zufrittstausee (Hydros) und Vernagt (AEEW) reguliert. Da das Wasser direkt aus dem oberhalb gelegenen Kraftwerk Tell (AEEW) abgeleitet wird, verfügt das Werk Marling über kein eigenes Flusswehr. Der Einlauf mit zwei aufeinander folgenden Schützen befindet sich daher direkt am Ablassbecken des oberen Kraftwerks.
Das erste Schütz gehört der AEEW. Das zweite, der Hydros GmbH gehörende Schütz schliesst bei zu hoher Fliessgeschwindigkeit automatisch. Der Einlauf liegt auf 430 m ü.d.M. Unterhalb des Einlaufs befindet sich eine 213 m lange Freispiegelkanalbrücke aus Stahlbeton, an die sich ein 3.463 m langer, mit Zement ausgekleideter Freispiegelstollen anschliesst. Die maximale Ausbauwassermenge beträgt 34 m³/s.
Am Stollenende befindet sich ein offenes Füllbecken mit einem Nutzvolumen von 6.000 m³, dass mit vier Gregotti Sifonen und einem Grundablass mit handbetriebenem Schütz ausgestattet ist. Der Regulierungshöchsstand im Füllbecken liegt auf 422,40 m ü.d.M. Sifone und Grundablass leiten in einen 450 m langen, stark abschüssigen Auslassstollen, an den sich ein teils unterirdisches Tosbecken anschliesst. Von dort gelangt das Ableitwasser in einen vertikalen Schacht und schliesslich durch einen kurzen, fast waagerechten Unterwasserkanal wieder in die Etsch.
Vom Füllbecken zweigt die Druckleitung ab, deren Einmündung durch Front und Seitenrechen geschützt und mit einem Metallplattenschütz ausgestattet ist, das bei zu hoher Fließgeschwindigkeit automatisch schließt.Der erste, 256,90 m lange Abschnitt der Leitung besteht aus einer 3,50 m starken Stahlbetonröhre; der zweite, 254,80 m lange Abschnitt aus einer Stahlröhre, deren Durchmesser zwischen 3,50 und 3,00 m schwankt. Die Leitung verläuft teils unterirdisch, teils in einer Rinne.
Das Kraftwerk besteht aus einem gemauerten Gebäude am rechten Etschufer, in dem sich die Stromerzeugungsaggregate, die Schalttafel, der 10 kV Verteiler, die Werkstatt und verschiedene Räumlichkeiten zum Werksbetrieb befinden. Der älteste Gebäudetrakt (aus den zwanziger Jahren) steht unter Denkmalschutz. Ein zweiter Trakt, in dem Aggregat 1 untergebracht ist, wurde in den fünfziger Jahren aus und umgebaut.
Im Maschinenraum sind folgende drei Stromerzeugungsaggregate installiert:
- Aggregat 1, mit stehender Welle, besteht aus einer Francisturbine mit 25.000 kW Leistung bei 375 U/min und einem Wasserkraftgenerator mit 30.000 kVA bei einer Spannung von 10 kV;
- Aggregat 3 und 4 (historische Nummerierung!), mit stehender Welle, bestehen aus je einer Francisturbine mit 9.300 kW Leistung bei 500 U/min und einem Wasserkraftgenerator mit 11.000 kVA bei einer Spannung von 10 kV;
Die Fallhöhe bei Aggregat 1 beträgt 132 m, bei Aggregat 3 und 4 hingegen 130,38 m. Als interessantes Zeitzeugnis wird im Maschinenraum ferner das Originalaggregat 2 aufbewahrt, das allerdings längst nicht mehr in Betrieb ist. Im gleichen Gebäude, das den Maschinenraum beherbergt, befinden sich in verschiedenen Räumen:
- die Bedienungs, Schalt und Sicherungswarten der Stromerzeugungsaggregate und weiterer Anlagen;
- die Transformatoren und Schalttafeln für Hilfsfunktionen;
- die 10 kV Anlagen der Stromerzeugungsaggregate;
- die Akkumulatorenbatterien;
- Fernmeldeschaltungen und -einrichtungen;
- Werkstätten, Lager und Diensträume.
Der Maschinenraum ist mit zwei Brückenlaufkränen bestückt. Der Abfluss des genutzten Wassers erfolgt über zwei kurze Stahlbetonkanäle auf dem rechten Etschufer. Der mit Aggregat 1 verbundene Abflusskanal ist an der Einmündung mit zwei Metallplattenschützen versehen; der mit Aggregat 3 und 4 verbundene Kanal besitzt einen durch ein Plattenschütz regulierbaren Überfall.
Außen vor dem Gebäude befindet sich das Umspannwerk, das über folgende Installationen verfügt:
- einen 10/65 kV Transformator mit 22 MVA, der Aggregat 3 und 4 versorgt;
- einen dreispuligen 10/65/130 kV Transformator mit 63/63/30 MVA, der Aggregat 1 versorgt.
Jeder Transformator ist mit den entsprechenden Hochspannungsanlagen (Schalter, Trennschalter, Stromwandler) ausgestattet. Das Umspannwerk verfügt ausserdem über Anlagen für eine aus dem Elektrizitätswerk Bozen kommende 60 kV Leitung. Neben dem Umspannwerk liegt das Gebäude der metallgeschotteten 130 kV Station mit den Schaltanlagen für zwei 130 kV Anschlüsse ans nationale Stromnetz. Die mit einem Brückenlaufkran ausgestattete Transformatorendemontagehalle liegt ebenfalls neben dem Umspannwerk.
Das Kraftwerk wird vom Fernüberwachungszentrum in Bozen aus fernbedient.



